Imame = Allrounder? 1. Einleitung: In meinem Beitrag geht es speziell um einen Imam in der Funktion eines Vorbeters in einer Moschee. Ich erspare mir daher die verschiedenen spezifischen und allgemeinen Definitionen des Imam-Begriffs (für die unterschiedliche Verwendung des Begriffs „imām“ im koranischen Kontext siehe die Suren 2/124; 17/71; 21/73; 25/74; 32/24; 36/12 und 46/12). Bezug nehme ich dabei insbesondere auf zwei Schwerpunkte, nämlich auf die Qualifikationen eines Imams und seine konkreten Arbeitsfelder. 2. Qualifikationen: Derzeit arbeiten in Deutschland in den knapp 2.500 Moscheen im Wesentlichen drei Arten von Imamen: 1. Imame, die ihre Qualifikation an einer religiösen (Privat-)Schule erworben haben (siehe z.B. die Imam-Hatip Gymnasien in der Türkei oder Ḥawza im Iran), 2. Imame, die ihre Qualifikation an einer Theologischen Fakultät erworben haben (siehe Al-Azhar in Kairo oder Marmara Ilahiyat in Istanbul usw.), 3. Imame, die weder eine schulische noch eine universitäre Ausbildung haben, sondern auf dem Weg individueller Erfahrungen und durch persönliche „Weiterbildung“ in diesen Beruf eingestiegen sind. Es gibt auch jene, die „einspringen“, um einen Imam zu vertreten, der im Urlaub, erkrankt oder durch einen anderen Grund verhindert ist. Diese werden hier ausgeklammert, da sie nicht zu den berufsmäßig arbeitenden Imamen zählen. Man kann bei Imamen drei Stufen unterscheiden: 1. Imam als Vorbeter, 2. Imam als Prediger (Ḫaṭīb), 3. Imam als Lehrer. 3. Arbeitsfelder: Zu den religiösen Aufgaben eines Imams gehören vor allem das Vorbeten, das Predigen an den Frei- und Feiertagen, das Unterrichten des Koran, das Schließen religiöser Ehen, Beerdi-gungen u.v.m. Die Erwartungen an einen Imam variieren zwischen zwei Extremen: 1. Eigentlich muss jemand, um als Imam tätig zu sein, zumindest den Koran lesen, einen Teil des Koran auswendig beherrschen und bestimmte Gebete in Arabisch sprechen können. Wenn jemand also vorbetet und predigt, erfüllt er im Grunde die Mindestanforderungen. Dies trifft zumindest auf viele Imame zu, die dem oben beschriebenen Typ 1 und 3 entsprechen. 2. Das zweite Extrem betrifft jene Imame, die als religiöse Autoritäten gelten und von denen man Antworten auf alle Fragen erwartet. Sie müssen also neben den Grunderwartungen auch rechtswissenschaftliche, exegetische und gesellschaftsre-levante Kenntnisse mitbringen. So müssen sie z.B. einem Muslim, der ein Haus kaufen möchte und fragt, ob sich die Zinsen für den Kredit mit islamischem Recht vereinbaren lassen, eine Auskunft geben. Oder sie müssen beantworten, ob der Verzehr von Gelatine den Ernährungsgeboten des Islam widerspricht oder ob der Hirntod islamrechtlich als Tod gilt. Oftmals müssen sie sich jedoch mit völlig simplen Fragen auseinandersetzen: Darf ein Mann mit kurzen Ärmeln beten? Muss auch ein Linkshändler mit rechts essen? Etc. Man erwartet von ihnen also Kenntnisse von Islamic Finance über Medizinethik bis hin zur Ernährungswirtschaft. Während man die Antworten auf viele Fragen etwa in der Standardliteratur (siehe Ilmihal-Werke), im Internet oder in irgendwelchen Rechtsgutachten (Fatwas) finden kann, gibt es auch viele Fragen, die nicht eindeutig geklärt sind (z.B. das Fasten im Ramadan und die Ge-betszeiten im Sommer in Ländern oberhalb des 45. Breitengrades). Die Fragenden erwarten jedoch in der Regel eine eindeutige Antwort. Eine solch komplexe Frage wie die Letztere, die bereits seit Jahrhunderten diskutiert wird, beantwortet ein Imam, der sich mit der Problematik nicht auseinandergesetzt hat zwar eindeutig – stammt er doch aus einer normalen Region unterhalb des 45. Breitengrades –, indem er sagt: „Wir orientieren uns beim Gebet und beim Fasten an der Sonne“, sie ist dennoch aber nicht eindeutig geklärt. Insbesondere aufgrund des innerislamischen Pluralismus in Deutschland werden von den Imamen Rechtsschulen übergreifende Kenntnisse erwartet. Die wenigsten Ausbildungsstätten berücksichtigen jedoch solche Bedürfnisse und unterrichten deshalb nur die Lehre einer bestimmten Schule. Mit anderen Worten: Die meisten Ausbildungsstätten in den muslimischen Herkunftsländern bilden das Personal für die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung aus, so dass Fragen außerhalb der eigenen Gesellschaft (wie etwa Ausnahmefälle) nur am Rande oder gar keine Rolle spielen. Weil Imame, und zwar auch die weniger qualifizierten, ebenfalls eine Beraterfunktion inne-haben, erwartet man von ihnen Hilfe in jeglicher Hinsicht. Aus der Praxis in Deutschland ergeben sich allerdings mehrere Schwierigkeiten. Ein Berater muss die gesellschaftlichen Verhältnisse sehr gut kennen – und das schließt das geltende Recht mit ein –, um sachlich beraten zu können. Da viele Imame weder der Sprache mächtig sind – und hier treffen wir bereits auf eines der Grundprobleme – noch die Perspektive haben, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, wären sie gut beraten, sich für die Übergangszeit in Deutschland fort- und weiterbilden zu lassen. Da der Bedarf an Imamen aufgrund der Zahl der Moscheen offensichtlich ist und wir auf absehbare Zeit diesen Bedarf nicht durch hierzulande ausgebildete Imame decken können, müssen sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden. Die Moscheen in Deutschland haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, und zwar zu multifunktionalen Kulturzentren. Bildungs-, Jugend- und Dialogarbeit gehören inzwischen ebenso zu den Aufgaben von Moscheen wie die typischen Arbeiten bezüglich religiöser, sozialer und kultureller Ziele. Mit den Generationen und den zunehmenden Bedürfnissen wachsen auch die Aufgaben der Imame. Beispiel: Bildungsarbeit: Zu einem extrem wichtigen Tätigkeitsbereich hat sich die Bildungsarbeit in Moscheen entwickelt. Den Wünschen der Eltern entsprechend, werden Korankurse organisiert, die zwar freiwillig und von verhältnismäßig wenigen muslimischen Kindern besucht werden, die aber dennoch in allen Moscheen stattfinden. Hier sind die Imame nun herausgefordert, Bildungsarbeit zu leisten. Die wenigsten Imame verfügen jedoch über religionspädagogische Kenntnisse; schließlich gibt es einen Unterschied zwischen einer Belehrung, die von der Kanzel aus geschieht, und einem Unterricht. Da aus personellen und Zeitgründen neben dem Imam auch weitere Personen – oft ehrenamtliche Laien – diesen Bereich abdecken, gehört die Vermittlung religionspädagogischer Inhalte ebenso zur Ausbildung eines Imams wie die theologischen Inhalte. Im optimalen Falle und sinnvoll wäre in der Praxis eine Arbeitsteilung, sodass sich der Imam auf seinen Kompetenzbereich konzentrieren könnte. Schließlich betrifft der Unterricht in der Moschee sowohl die Kinder (teilweise ab dem fünften Lebensalter) als auch Jugendliche und Erwachsene. Die größte Last haben aus finanziellen Gründen häufig die Imame zu tragen. Die Hamburger Centrum Moschee, mit einer knapp 40-jährigen Vorgeschichte, unterhält insgesamt drei Imame und mehrere weibliche Lehrerinnen. An den Wochenenden findet von 10 bis 14 Uhr Religionsunterricht statt. Daran nehmen ca. 400 Schüler von 6 bis 16 Jahren teil. Sicherlich ist dieses Beispiel nicht auf jede Moschee übertragbar; an ihm wird jedoch deutlich, wie groß die Nachfrage ist. Hinsichtlich des Zugangs zu den unterschiedlichen Generationen benennt ein junger Hamburger Imam folgendes Problem: „Ich habe in der Türkei Theologie studiert und habe hier in zehn Jahren einigermaßen Deutsch gelernt. Mein Deutsch ist allerdings nicht so gut wie das Deutsch der hier geborenen Jugendlichen. Daher nehmen sie mich nicht allzu ernst. Ich musste allerdings feststellen, dass mich die Älteren auch nicht verstehen. Einerseits bin ich jung und gehöre einer anderen Generation an, und andererseits bin ich Akademiker und mein Türkisch unterscheidet von ihrem.“ 4. Ausblick: Was die künftige Ausbildung von Imamen betrifft, benötigen wir eine neue Generation von Imamen, die hier sozialisiert wurde und ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sieht. In der hanafitischen Rechtstradition wird jemand, der die Gesellschaft, in der er lebt, nicht kennt, nicht als Rechtsgelehrter akzeptiert. Zu den ungeklärten und wohl problematischsten Fragen gehört die Entlohnung der Imame. Imame arbeiten erfahrungsgemäß sechs Tage die Woche und mehr als nur acht Stunden täg-lich. Einige sind in Teilzeit und einige in Vollzeit beschäftigt; bei vielen ist – mit Ausnahme der DITIB-Imame – der Aufenthaltsstatus nicht geklärt. Ich kenne kaum einen muslimischen Jugendlichen, der unter den derzeitigen Arbeits- und Lohnbedingungen Imam werden möchte. Das ist angesichts des großen Bedarfs an Imamen eine traurige Feststellung. Die künftig auszubildenden Imame benötigen neben einer ihrer Qualifikation entsprechenden Entlohnung darüber hinaus auch eine genaue Arbeitsplatzbeschreibung. Sie müssen und können nicht jede Aufgabe erfüllen. Eva Vergaelen schildert die Arbeitssituation der Imame in Belgien bewusst überspitzt als katastrophal: „Sie arbeiten sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag“, wobei sie für alles verantwortlich gemacht würden, egal, ob es um Terror oder Frauenrechte gehe, und sie stellt die Frage: “Is there anything positive about being an imam in Belgium?” Diese Frage ließe sich auch auf die Situation in Deutschland beziehen. Mithilfe einer eigenen Umfrage im Jahre 2005 habe ich erfahren, dass alle befragten Imame psychisch unter dem Druck der Verantwortung, die sie täglich – auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten – tragen, leiden. Lediglich ihre positive Auffassung, einen wichtigen Gottesdienst zu leisten, motiviert sie, trotz dieser Bedingungen weiterzumachen. Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit einem Zitat von Abd ar-Rahman ibn Hurmuz (Lehrer von Mālik ibn Anas, gest. 795 n. Chr.): „Jeder Gelehrte sollte seinem Schüler den Satz „ich weiß (es) nicht!“ (لا ادري) vererben, damit er sich darin fliehen kann, wenn er in Not gerät (d.h. wenn er die Antwort auf die Frage nicht kennt). Imame sind eben keine Allrounder. Im Grunde – das kann ich jetzt ja verraten – habe ich mich mit einer rhetorischen Frage befassen müssen. 5. Literaturquellen: Ceylan, Rauf: Islamische Religionspädagogik in Moscheen und Schulen, Beiträge zur islami-schen Religionspädagogik, Bd. 2, Hamburg 2008. Ders., Die Prediger des Islam: Imame in Deutschland – wer sie sind, was sie tun, was sie wol-len, Freiburg i. Br. 2010. Hamidullah, Muhammad: Der Islam. Geschichte, Religion, Kultur, München 1991. „Formation des Imams“: URL: http://ift.tt/2pJF1UC (letzter Zugriff: 10.08.2010). Özdil, Ali Özgür: Wenn sich die Moscheen öffnen, Münster 2002. Ibn Rassoul, Muhammad Ibn Ahmad: Der deutsche Mufti, Köln 1997. Tawfiq, Idris: “The Challenge of Training Imams for the West”, URL: http://ift.tt/2pCxmZI (letzter Zugriff: 10.08.2010). URL: http://www.hawza.org.uk (letzter Zugriff: 10.08.2010). Vergaelen, Eva: “Looking for Imams for Belgian Mosques”, URL: http://ift.tt/2pJLGOJ (letzter Zugriff: 10.08.2010).

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